Aufruf
Dresden – die Stadt ist ein Symbol für die Niederschlagung Nazi-Deutschlands und dessen totale Niederlage. Für viele steht Dresden aber vor allem für das Leid der Deutschen. Die Stadt und ihre Zerstörung wird dafür benutzt, um darzulegen, dass auch die Deutschen in erster Linie Opfer, und nicht Täter gewesen sein sollen. Die Bombardierung der Stadt im Februar 1945 wird aus dem politischen Kontext gerissen, im öffentlichen Diskurs geht es in der Regel um die arme, wehrlose Zivilbevölkerung, die grundlos und mit unnötiger Brutalität angegriffen wurde. Dabei wird bewusst verdrängt, dass Nazi-Deutschland und die begeisterte Bevölkerung zuvor sechs Jahre lang versucht hatten, die arische Weltherrschaft zu begründen, verbunden mit Millionen von Toten und der Zerstörung ganzer Landstriche. Und trotz aller militärischen Rückschläge und des Bewusstseins über die Verbrechen in den Konzentrationslagern und den besetzten Gebieten machte die Mehrheit der Deutschen keinerlei Anstalten, sich gegen das Regime zu erheben. Beim öffentlichen Gedenken an die Opfer von Dresden geht es in erster Linie um die Relativierung der Verbrechen der Deutschen. Sie wollten den „totalen Krieg“, und den haben sie bekommen.

Die Bombardierung Dresdens wird aber nicht als Antwort auf den Terror der Deutschen gesehen, sondern als Beweis dafür genommen, dass die Allierten genauso schlimm waren. So sprechen die Nazis heute vom „Bombenholocaust“ (NPD-Abgeordneter Jürgen Gansel im sächsischen Landtag), während das bürgerliche Lagerdie „unmenschlichen Verbrechen der Alliierten“oder den „Bombenterror“ anprangert. Doch eines scheint klar zu sein: in Dresden wurden wertvolle, barocke Kunst- und Kulturschätze sinnlos zerstört, ohne dass es irgendwelche kriegswirtschaftlich und militärisch relevanten Anlagen besaß.
Gegen diese Darstellungen sprechen folgende historische Tatsachen: Infrastrukturell war Dresden ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für Nord-Süd und Ost-West Verbindungen und stellte somit einen derletzten Rückzugsorte und eine intakte Basis für die Versorgung der Ostfront dar. Schon 1942 bezeichnete die Stadt sich selbst im „Dresdner Jahrbuch“als einer der wichtigsten Industriestandorte des„Reiches“. 1944 gab es dann eine fast vollständige Umstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion. Durch die hohe Industrie- und Bevölkerungsdichte bildeten sich in Sachsen schon ab Ende des 19. Jahrhunderts sowohl „rote“ als auch “braune“ Hochburgen heraus. Schon 1882 fand beispielsweise ein internationaler „ Antijüdischer Kongress “ in Dresden statt und aus den Strukturen von antisemitischen und völkischen Verbänden gründeten sich in Sachsen die ersten NSDAP-Ortsverbände (Zwickau 1921), nach denen in Bayern. Auch die deutschlandweit höchste Pro-Kopf-Dichte von NSDAP Mitgliedern in Dresden entspricht nicht der Darstellung von ausschließlich unschuldigen Opfern des Bombardements.

„Lieber eine Bombe auf den Kopf, als
nach Auschwitz“
(Zitat einer Dresdner Jüdin,
die durch das Bombardement überlebte
)

Bei den Bombenangriffen ging es vor allen Dingen um eins: Deutschland im Ganzen handlungsunfähig zu machen, und die Deutschen daran zu hindern, das zu tun, was sie taten, wenn man sie nicht daran hinderte. „An eine geregelte Behördenarbeit war nicht mehr zu denken“ schrieb Adolf Eichmann, Hauptorganisator der Deportationen, über die alliierten Bombenangriffe zur Jahreswende 1944/1945 in Berlin, was die Wirkung der Bombardierung bestätigt. So verhinderte der Angriff auch die, noch im Februar geplante, Deportation von über 100 Dresdner Juden und Jüdinnen und die Hinrichtung einiger politischer Gefangener auf dem Münchner Platz.

Entwicklung des Gedenkens
Der Propagandaminister Joseph Goebbels wusste die Bombardierung zu seinen eigenen Zwecken zu nutzen. Er nannte unrealistische Opferzahlen ohne jegliche Beweisgrundlage und stilisierte den Angriff zu einem Verbrechen der „anglo-amerikanischen Luftgangster“. Um gegen die „imperialistischen“ Westalliierten zu polemisieren wurde in den 50er Jahren in der DDR die Goebbelsche Wortschöpfung von offizieller Seite erneut aufgegriffen. In der Geschichtswahrnehmung und -vermittlung der gesamtdeutschen Bevölkerung lebte die unschuldige Stadt mit den mehreren hunderttausend zivilen Opfern fort. Hingegen fand die deutsche Kriegsschuld kaum Beachtung, es sei denn man konnte sie auf die NS-Eliten abwälzen. 1963 erschien mit dem Buch „Der Untergang Dresdens“ von Holocaust-Leugner David Irving ein Sammelsurium der Mythen und Legenden zum 13. Februar. So wusste er zum Beispiel von 125000 Toten zu berichten und von Tieffliegern, die Jagd auf die vor dem Feuer Flüchtenden machten. Durch dieses Buch wurde den Legenden ein pseudowissenschaftlicher Anstrich gegeben. Bis heute gelten diese in weiten Teilen der Bevölkerung als historische Fakten, auch wenn sie inzwischen von Historikerkommissionen widerlegt wurden.
Auch die Friedensbewegung ging ab den 80-er Jahren sehr undifferenziert mit der Bombardierung Dresdens um. Mit der Botschaft, dass Kriege generell unmenschlich sind und Dresden ein Symbol dafür sei, machte sie das öffentliche Gedenken an die Dresdner Opfer – ohne einen Verweis auf die deutsche Kriegsschuld – auch für vermeintlich kritische oder linke BürgerInnen möglich.
Eine Veränderung der offiziellen Gedenkkultur begann Ende der 90-er Jahre, als die rot-grüne Bundesregierung, bestrebt den eigenen politischen Handlungsspielraum im erstarkenden Europa und der Weltgemeinschaft auszubauen, eine Art Läuterungspolitik forcierte. Zunächst findet eine Anerkennung der deutschen Schuld an den NS-Verbrechen statt, die dann aber recht schnell auf eine europäische Ebene gebracht wird. Indem die Judenverfolgung als europäisches Vermächtnis betrachtet wird, relativieren sich die deutschen Verbrechen als ein – wenn auch besonders schlimmer – Teil davon.
Zum 60. Jahrestag des D-DAYS in der Normandie erklärte Ex-Kanzler Gerhard Schröder das folgendermaßen: „Europa hat seine Lektion gelernt, und gerade wir Deutschen werden sie nicht verdrängen.“ Darüber hinaus erwachse aus dieser Läuterung auch gleich eine spezielle deutsche Verantwortung für das Eingreifen in Konfliktsituationen. Durch die deutsche Erfahrung der „Unmenschlichkeit“ müsse das heutige Deutschland notfalls auch militärisch verhindern, dass andernorts „Konzentrationslager“ bestünden (Ex-Jugoslawien). Dies machte es dem grünen Außenminister Joschka Fischer 1999 möglich, den ersten deutschen Kriegseinsatz nach Ende des 2. Weltkrieges mit der deutschen Verantwortung für Auschwitz zu rechtfertigen.
Mit einer solchen partiellen Sichtweise auf die Geschichte, die Tatsachen verdreht, werden im nächsten Schritt auch alle Opfer gleich und die alte Betrauerung Dresdens kann bruchlos fortgesetzt werden. In diesem Sinne beschrieb der Historiker Jörg Friedrich in seinem Bestseller „Der Brand“ die Luftschutzkeller als „Krematorien“ und sprach in Bezug auf zerstörte Bibliotheken von „Bücherverbrennung“. In einem Interview verneinte er, dass es einen Unterschied zwischen den jüdischen Kindern in Auschwitz und den Kindern in Dresden gebe. Dieser Geschichtsrevisionismus liefert all denjenigen Argumente, die endlich einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen wollen. Verbunden mit dem Wunsch nach einer unbeschwerten, deutschen Identitätsbildung fordert auch die sächsische CDU in ihrem „Patriotismusleitantrag“ vom November 2005 sich von den „zwölf dunklen Jahren“ zu lösen und, da den Opfern des NS zu genüge gedacht sei, nun den eigenen Opfern mehr Beachtung zu schenken.
Der deutsche Geschichtsrevisionismus als politisches Programm fungiert hierbei als Strategie sich wieder positiv auf eine deutsche Nation berufen zu können. Der historische Nationalsozialismus und die deutschen Verbrechen, welche einen solchen Bezug jedoch erschweren, werden in der Erinnerung notwendigerweise relativiert, in dem im konservativen Lager offen aus Tätern Opfer gemacht werden und ein linksliberales Spektrum von einer moralischen Läuterung der Deutschen spricht.

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Aliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns.“ (Holocaust Überlebender aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Erst am 8. Mai konnte die Rote Armee das Lager befreien.)

Es ist wenig verwunderlich, dass auch die Nazis dabei sein wollen, wenn der deutschen Opfern gedacht wird. Dabei geht es nicht um eine Vereinnahmung des Gedenkens, sondern es ist vielmehr ein Zeichen für bestimmte inhaltliche Übereinstimmungen bezüglich des Umgangs mit der deutschen Geschichte. Ihre praktische Umsetzung finden diese in den alljährlichen Kranzniederlegungen am 13. Februar auf dem Heidefriedhof. Seit ihrem Einzug in den Sächsischen Landtag gedachte die NPD dort, zusammen mit den BürgerInnen und VertreterInnen von Stadt und Land, offiziell ihrer gemeinsamen Opfer. Nach dem die Jüdische Gemeinde Dresdens 2008 dieser Veranstaltung demonstrativ fernblieb, gedenken seitdem die offiziell von der Stadt benannten VertreterInnen zeitlich getrennt von den Nazis. Für dieses Jahr hat von allen bürgerlichen Parteien lediglich die Linkspartei die Stadt Dresden aufgefordert die NPD vom Gedenken auszuschließen.
Zusätzlich etablierte sich in den letzten Jahren der „Trauermarsch“ der Nazis als eine der größten derartigen Veranstaltungen Deutschlands. Waren es 1999 gerade mal 200 TeilnehmerInnen, kamen 2003 bereits 1000 Nazis nach Dresden. 2005 konnte dann die Junge Landsmannschaft Ostpreussen (JLO) zusammen mit der NPD, DVU und freien Kameradschaften 6.500 Menschen mobilisieren und so einen der größten Nazi-Aufmärsche der deutschen Nachkriegsgeschichte durchführen. Seitdem kamen immer zwischen 4000 und 7000 Nazis nach Dresden. Ab 2006 organisierten AntifaschistInnen kontinuierlich nennenswerte Proteste und Blockaden, die den Naziaufmarsch zumindest zeitweise behindern konnten. Trotz eines erstmaligen Verbotes der antifaschistischen Gegendemonstration 2008 wurden die Nazis daran gehindert ihre angemeldete Route entlang der Synagoge abzulaufen. 2009 wurden AntifaschistInnen, die die Synagoge vor Nazis schützen wollten, jedoch von Polizeieinheiten brutal davon abgehalten.
2010 gelang es erstmals durch ein erfolgreiches Nebeneinander von Massenblockaden und militanten antifaschistischen Aktionen den Naziaufmarsch mit 6500 TeilnehmerInnen effektiv anzugehen und weitestgehend zu verhindern. 12000 Menschen blockierten sämtliche Wege, die vom Auftaktort der Nazis wegführten. Zeitgleich traten autonome antifaschistische Kleingruppen den Nazis offensiv entgegen und schufen so eine von der Polizei nicht mehr zu kontrollierende Situation.
Im Vorfeld des Aufmarsches 2010 wurden AntifaschistInnen Ziel von Repression. Die Polizei rechtfertigte mit dem Verweis, dass der Aufruf zu Blockaden eine Straftat sei, vielfältige Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen und versuchte damit den Widerstand schon im Vorfeld zu kriminalisieren.
„Der 13. Februar des Jahres 2010 gehörte wieder den Dresdnern.“, so die Sächsische Zeitung. Die Oberbürgermeisterin von Dresden reklamierte im Nachhinein die Verhinderung des Naziaufmarsches als Ergebnis einer von ihr initiierten Menschenkette, bei der 10-15000 Menschen weitab vom tatsächlichen Geschehen, ein Zeichen gegen die „Vereinahmung des Gedenkens durch Rechtsextremisten“ setzen wollten und die Dresdener Altstadt symbolisch umschlossen. Tatsächlicher „Erfolg“ dieser Menschenkette war es, dass aus Sicht der OB gerechtfertigte Gedenken positiv mit dem Engagement gegen Nazis zu verknüpfen. Dadurch wird die Ursache der Bombardierung endgültig aus ihrem historischen Kontext gelöst.

Das bürgerliche Gedenken und ein an die SA angelehnter Fackelmarsch Freier Kameradschaften werden am Sonntag den 13.02. stattfinden. Die Nazi-Großdemo wird wahrscheinlich für Samstag den 19.02 angemeldet.

Wir rufen dazu auf, sich an den Protesten gegen die revisionistischen Gedenkveranstaltungen rund um den 13. Februar in Dresden zu beteiligen!
Gegen Geschichtsrevisionismus und Nationalismus!
Bürgerliches Gedenken stören und die Naziaufmärsche verhindern!

Gruppe Gegenstrom & Basisgruppe Geschichte
Januar 2011


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