zwischen elitärem Anspruch und erzieherischer Wertschätzung
von Stephan Peters MA, Marburg

dokumentation
einer veranstaltung der gruppe gegenstrom und des a:ka
januar 2003

I. Einleitung
„Es ist natürlich etwas anderes, wenn man weiß, der andere war auch aktiv“ [1]. „Senioren als Karrierehelfer. Studentenverbindungen: Wer dort Mitglied wird, hat in manchen Fällen Vorteile bei der Jobsuche“ [2].
Immer wieder finden sich in Zeitungen Artikel mit derartigen überschriften zum Thema Studentenverbindungen. Die meisten von ihnen rücken die sogenannten „korporierten Seilschaften“ in das Zentrum der Betrachtung. Von den Gegnern der studentischen Korporationen als „Pöstchenschieberei“[3] kritisiert, werden die Seilschaften von den Verbindungen meist nicht geleugnet, im Gegenteil: Manfred Kanther (CDU), ehemaliger Bundesinnenminister und Mitglied des Marburger Corps Guestphalia et Suevoborussia, sah sogar eine Zielsetzung seines Corps darin
„auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führende Berufe unserer Gesellschaft zu entsenden“ [4].
Das „Entsenden“ von Korporierten in führende Berufe der Gesellschaft funktioniert und ist in Anbetracht der vielen berühmten Korporierten in Politik und Gesellschaft – in Vergangenheit und Gegenwart – nicht anzuzweifeln: Schon zur Zeit des Wilhelminismus finden sich Namen wie Otto von Bismarck, Wilhelm II. oder auch Prinz Max von Baden in den Mitgliederlisten der Verbindungen, hier des heutigen Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV).[5] Auch in der Weimarer Republik gab es zahlreiche Korporierte an der Spitze des Staates, z. B. Reichskanzler Marx (Mitglied des Kartellverbandes der katholischen deutschen Studentenvereine, KV[6]) und Reichskanzler Brüning (Mitglied des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen, CV). In der Gegenwart läßt sich die Liste gleichfalls beliebig lang fortsetzen. So gehören u. a. der bayrische Ministerpräsident Stoiber (CSU), der ehemalige Bundesbildungsminister Rüttgers (CDU), der derzeitige Fraktionsvorsitzende der CDU Merz, der ehemalige Bundesaußenminister Kinkel (FDP) sowie der ehem. Bundeswirtschaftsminister Müller (parteilos) dem CV an.[7] Der CV bildet in Bezug auf die politische Präsenz keine Ausnahme, auch andere korporierte Verbände zeichnen sich durch zahlreiche prominente Persönlichkeiten in der Politik aus.[8]
Die angeführten Beispiele zeigen eine deutliche Tradition in der Präsenz von korporierten Persönlichkeiten in vor allem konservativen Teilen von Staat und Gesellschaft nahezu unabhängig vom politischen System.[9] Angesichts der traditionellen Machtfülle der Korporationen ist es offensichtlich, daß Verbindungsstudenten in ihren Korporationen etwas angeboten bekommen, daß ihnen gegenüber ihren nichtkorporierten Mitmenschen einen beruflichen Vorteil verschafft, bzw. verschaffen soll. Werden Korporierte auf ihre möglichen beruflichen Vorteile angesprochen, verneinen sie ein korporiertes Netzwerk häufig[10], jedoch ist meist von Vertrauensvorschuß oder beruhigenden Aspekten von Korporierten gegenüber Korporierten die Rede.[11] Verbindungsstudenten identifizieren sich untereinander eher durch das gelernte korporierte Verhalten. Der Corpsstudent und Alte Herr Roland Girtler schreibt hierzu:
„Noblesse erscheint als wesentliches Prinzip corpsstudentischen Benehmens. Hierzu gehören neben diversen Gruß-, Kleidungs- und anderen Sitten Großzügigkeit, ‚Ritterlichkeit‘ – was immer das heißen mag – und eine vornehme Distanz zu nicht gleichartigen und damit ‚weniger würdigen‘ Personen.“[12]
Korporierte sehen sich als Zugehörige eines exklusiven Kreises, dessen Mitglieder sich am Verhalten erkennen können. Der elitärer Anspruch der korporierten Gemeinschaften besteht also in der Anerziehung eines besonderen Habitus. Die Statuten der Korporationsdachverbände geben hier weitere Hinweise, denn sie enthalten den Zweck der korporierten Gemeinschaft und wozu diese ihre Mitglieder befähigen soll. So besteht die „Zweckbestimmung“ der Corps des KSCV darin, die Mitglieder
„zu Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, tatkräftigen, pflichttreuen Persönlichkeiten zu erziehen.“[13]
Im Handbuch des CV findet sich das erklärte Ziel einer solchen Erziehung:
„Das in der kleinen Gemeinschaft der Korporation Geübte soll den einzelnen Bundesbruder befähigen zur übernahme seiner Verantwortung in dem größeren Kreis von Staat und Gesellschaft.“[14]
Das Ziel ist also die Bildung und Reproduktion einer Elite, der Zweck der Gemeinschaften ist die Erziehung. Die angewandten Mittel und deren Auswirkungen für die Mitglieder geben hier weiteren Aufschluß für eine Bewertung, um was für eine Erziehung es sich handelt, für welches Ziel diese eingesetzt wird und welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich hinter dem Zweck und dem Ziel der Korporationen verbergen. Hierzu erfolgt am Beispiel der Korporationsverbände des KSCV und des CV eine genauere Bestimmung der korporierten Gemeinschaft. Es werden einerseits die gemeinschaftlichen Grundregeln (Comment), andererseits der Verlauf einer Mitgliedschaft analysiert.[15] Abschließend werden die herausgearbeiteten Inhalte und Vorstellungen einer kurzen kritischen Betrachtung unterzogen.

II. Die Mittel der korporierten Erziehung
Eine studentische Verbindung weist ein umfassendes Regelwerk auf, das die Mitglieder weitgehend unhinterfragt befolgen müssen. Neben den äußerlich vereinstypischen Regelwerken, der Satzung und Geschäftsordnung, gibt es z. B. auch eine Gerichtsordnung, die unterschiedliche Strafmaßnahmen für den Fall von Regelbrüchen beinhaltet. Wichtig ist jedoch vor allem der Comment[16], denn im Unterschied zu einem „eingetragenen Verein“ (e.V.) regelt die Korporation auch weite Bereiche des Zusammenlebens der Mitglieder. Der Comment umfaßt neben allgemeinen Bestimmungen des individuellen Verhaltens (Gesellschaftscomment) auch die Vorschriften gemeinschaftlichen Zusammenseins (z. B. der Kneipcomment, der der Aufrechterhaltung der Ordnung und der Hebung der Gemütlichkeit auf der „Kneipe“ dienen soll).[17] Bei schlagenden Verbindungen gibt es zusätzlich noch einen „Paukcomment“ zur Regelung des Mensurwesens. Daneben gibt es noch von Korporation zu Korporation zahlreiche ungeschriebene Regeln, die genauso von den Mitgliedern zu befolgen sind. Alle Regeln kommen dauernd oder auf Beschluß unabhängig vom Status des Mitgliedes zur Anwendung und verfolgen sowohl vergemeinschaftende, also nach innen gerichtete, als auch abgrenzende, nach außen gerichtete Absichten.
Die drei grundlegenden korporierten Erziehungs- und Formungsmittel[18] sollen im Folgenden eingehender betrachtet werden:
1. Der Convent, also die verbindungsstudentische Mitgliederversammlung,
2. die Kneipe und
3. die Mensur, die sicherlich eines der härtesten Erziehungsmittel darstellt.

1. Der Convent
Das Wort Convent (lat. Conventus – Zusammenkunft) wird in Ablehnung des Französischen aus der römischen Rechtssprache abgeleitet,[19] wonach der Convent richtende Instanz ist. Durch die zusätzlichen verwaltenden und ausführenden Funktionen dieser Versammlung wird das Gremium zur höchsten Autorität der Gemeinschaft, sozusagen zum Kontrollzentrum, dem sich jedes einzelne Mitglied unterordnen muß. In seiner Vereinigung von Legislative, Exekutive und Judikative und der beabsichtigten Unterdrückung von Parteiungen hat der Convent nichts mit einem demokratischen Bewußtsein gemein.[20]
Gelernt wird vielmehr ein Feingefühl für das Machbare. Das einzelne Mitglied erfährt, wie weit es gehen kann, ohne den Unmut der anderen auf sich zu ziehen. Im CV-Handbuch wird es demnach auch als besonders geschickt empfunden,
„jene Meinung zu erforschen, welche den geringsten Widerstand findet.“[21]
Es wird ferner behauptet, daß der
„Verbindungsconvent ein wesentlich besserer und wertvollerer Erziehungsfaktor ist als die öffentlichen Parlamente.“[22]
Die Meinungsbildung entsprechend den Grenzen der Gemeinschaft sowie die Auffassung des Conventes als Erziehungsfaktor unterstreichen die antidemokratische Ausrichtung des Gremiums und zeigen die eigentliche Funktion des Conventes: Die Vergemeinschaftung der individuellen Meinungen und Ansichten – auch wenn der CV noch weitere erzieherische Werte sehen will, denn es heißt weiter:
„Der erzieherische Wert des Conventes in sprachlicher und psychologischer Schulung wird immer unterschätzt. Erst muß ich einmal im Kreis der Freunde, der Bundesbrüder die inneren Hemmungen überwinden lernen, sonst werde ich – im Berufe stehend und in das öffentliche Leben gestellt – unter meinen Hemmungen eine Niete bleiben und das Feld dem hemmungslosen Demagogen überlassen.“[23]
In der Einschätzung des CV wird allerdings nicht reflektiert, woher die genannten „inneren Hemmungen“ rühren. Auch die Gegnerschaft, hier der „hemmungslose Demagoge“, wird nicht spezifiziert. Es wird seitens der Gemeinschaft vielmehr ein dubioses Feindbild suggeriert, daß es zu bekämpfen, bzw. zu überwinden gilt. Ein Gedanke, der bei der Mensur erneut aufgegriffen wird.
Abgesehen von den genannten sekundären Werten ist der zentrale Bestandteil des Conventes in der individuellen Unterwerfung unter die Gemeinschaft zu sehen. Der Korporierte soll lernen, seine eigenen Grenzen einzig in Abwägung zu den Grenzen der Bundesbrüder, also der Gemeinschaft, zu beschränken.

2. Die Kneipe
Eine Kneipe im studentischen Sinne meint ein „geselliges Trinken in festgelegter Form“.[24] Begrüßungen und Ansprachen, Ehrungen und bestimmte Arten des Trinkens (geregelt im Kneipcomment) sind Formbestandteile der Kneipe. Durch die vorgegebene Ordnung und der innerhalb der Ordnung noch bestehenden Freiheit soll sich eine „Atmosphäre von festlicher Spannung“ und „glücklicher Entspannung“ ergeben.[25] Die Kneipe soll durch ihre Form „den alten und jungen Studenten in eine Gemeinschaft“ aufnehmen, „in der er ganz Mensch sein kann.“[26]
Bei der Kneipe bildet eine Ordnungsvorgabe den Rahmen, innerhalb dessen sich der Korporierte zurechtfinden muß. überschreitet er den Rahmen, wird er nach Härte des „Vergehens“ abgestraft (meist muß er in einer gewissen Form trinken, er kann aber auch der Kneiptafel verwiesen werden). Der erziehende und kontrollierende Aspekt der Kneipe wird im Handbuch des Kösener Corpsstudenten folgendermaßen beschrieben und bestätigt:
„Trotz eines gewissen einzuhaltenden Zeremoniells darf nicht vergessen werden, dass – wie der CC (Kürzel für den Convent der Corps, Anmerkung d. V.) – auch die Kneipe ein Prüfstand ist, auf dem der junge Corpsstudent zeigen soll, mit welcher Sicherheit er sich in dem ihm vorgegebenen Rahmen frei und ungezwungen bewegen kann. Beherrscht er ihn einmal, wird es ihm später im gesellschaftlichen und beruflichen Leben gut zustatten kommen.“[27]
Dem Corpsstudent wird ein von außen gesetzter Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen er sich beweisen muß. Nur durch die Befolgung der Regeln, bzw. Einhaltung des gesetzten Rahmens kann er an der Gemeinschaft teilhaben, bzw. kann er „glückliche Entspannung“ erleben.[28] Das bedeutet, daß sich der Korporierte den Regeln der Gemeinschaft unterordnen muß, bevor er ein wenig Freiheit genießen darf. Zusätzlich, ähnlich der zu überwindenden „inneren Hemmungen“ im Convent, wird der Verbindungsstudent bewußt mit sich selbst und seinen eigenen Grenzen konfrontiert. Dessen individuelle Kontrollfähigkeit wird im Verlauf der Kneipe zugunsten der gemeinschaftlichen durch den Genuß von Alkohol und der zu konsumierenden Mengen[29] eingeschränkt:
„Dazu gehört auch, und gewiß nicht an letzter Stelle, die Erfahrung und die Kraft der Selbsteinschätzung, wann die eigene Grenze erreicht ist. Auch im vorgerücktem Stadium (z. B. des Alkoholkonsums, Anmerkung S. P.) die guten Sitten und Bräuche zu beherrschen, läßt sich wohl kaum besser als auf der Kneipe im überschaubaren Kreise der Corpsbrüder erlernen.“[30]
Die Kneipe stellt somit ein Medium korporierter Erziehung dar, in der der Verbindungsstudent durch dauerndes Abwägen seiner selbst und der gesetzten Vorgaben (Inkorporation der Regeln) Freiräume zu entdecken lernt, innerhalb derer er sich bewegen darf. Er lernt sozusagen einen Balanceakt zwischen unterschiedlichen Grenzen durchzuführen, um dadurch in den Genuß der gelebten Gemeinschaft zu kommen. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß der vorgegebene Rahmen einer Kneipe von der Gemeinschaft selbst gesetzt wird, also konstruiert ist und somit den Zwecken und dem Ziel der Gemeinschaft direkt untergeordnet ist. Zweck und Ziel – Erziehung zur Elite – kommt in dem Zitat nicht zuletzt mit den Worten „die guten Sitten und Gebräuche zu beherrschen“ zum Ausdruck, das Bier und die Trinksitten bilden dabei das erzieherische Medium.
Der Korporierte lernt in Folge dieser Erziehung, Unsicherheiten und Risiken im Leben und im Umgang mit Mitmenschen mit vorgegebenen und von außen gesetzten Regeln zu begegnen. Das bedeutet auch, daß er unfähiger und unflexibler auf Veränderungen von außen und abwehrend bis feindlich auf Kritik an die von der korporierten Gemeinschaft gesetzten Regeln reagiert. Denn müßte er seine von seiner Gemeinschaft vorgegebenen Regeln aufgeben oder auch nur hinterfragen, sähe er sich dem drohenden und außen befindlichen Chaos ausgeliefert, zumal er keine individuell gewachsene Verhaltensnormen hat (das hat die Gemeinschaft für ihn übernommen).

3. Die Mensur
Die Mensur (lat. Mensura – das Messen, meint den durch Striche markierten Kampfplatz)[31] ist nur in schlagenden Korporationen üblich. Sie tritt, neben dem Convent und der Kneipe, bei diesen als drittes Erziehungsmittel hinzu. Für die Corps und Landsmannschaften ist die Mensur, genauer die Bestimmungsmensur, ein Grundprinzip. Es kann dementsprechend auch nur derjenige aufgenommen werden, der mindestens einmal eine Bestimmungsmensur[32] gefochten hat.[33] Weitere Mensuren kann der Convent festlegen und von den einzelnen Mitgliedern verlangen. Der genaue Verlauf, Umfang der Vorbereitungen und die Regeln sind im Paukcomment festgehalten. Ernsthafte Verletzungen kommen heutzutage kaum noch vor, meistens handelt es sich lediglich um Platzwunden und kleinere Schnitte auf der Schädeldecke oder anderen freiliegenden Gesichtspartien. Augen, Nase, Ohren sowie der Hals sind geschützt. Zur Sicherheit ist ein Arzt anwesend, der die Verletzten nach der Mensur ohne Betäubung versorgt, z. B. zugefügte Wunden näht.
Bei der Mensur geht es nicht darum, den Gegenüber zu besiegen, sondern vielmehr seine eigene Angst vor der scharfen Waffe und eventuell drohenden Verletzungen zu überwinden, sich dadurch für die Gemeinschaft einzusetzen und diese zu stärken.[34] Was die Mensur ist und will, wird von einem Corpsstudenten wie folgt wiedergegeben:
„Die Mensur ist ein Mittel der Erziehung oder – wenn diese Bezeichnung etwa als zu schulmeisterisch empfunden wird – der Persönlichkeitsentwicklung dadurch, daß sie anleitet zu Mut, Selbstüberwindung, Selbstbeherrschung und Standhalten. Wer auf scharfe Waffen antritt, muß – soldatisch ausgedrückt – den inneren Schweinehund überwinden, nämlich die (…) Angst. Nicht ‚kniesen‘ oder reagieren verlangt Selbstbeherrschung. ‚Blutige‘ und ihr Flicken tapfer zu ertragen, lehrt Standhalten (…). Die Mensur ist nach Innen ein Bindemittel, ein Integrationsmittel, also ein Mittel zur Verstärkung der Bindung an den Bund und die Brüder. Wer wiederholt auf die Farben seines Corps gefochten, sich dabei bewährt und meist auch kleinere Blutopfer gebracht hat, fühlt sich diesem ritterlichen Männerbunde unvergleichlich enger verbunden, als in aller Regel ein Mitglied irgendeines anderen Vereins sich diesem verbunden fühlt. (…) Die Mensur ist nach außen ein Abschreckungsmittel, nämlich gegenüber solchen, die es nicht fertigbringen, den ‚inneren Schweinehund‘ zu überwinden, und die wir deshalb in unseren Reihen nicht haben wollen.“[35]
Es finden sich Parallelen zur Kneipe: Wieder gibt es einen fest reglementierten Rahmen, innerhalb dessen das „Waffenspiel“[36] Mensur stattfinden kann. Wieder sieht sich das Mitglied seinen eigenen Grenzen ausgesetzt, die es zu überwinden gilt, und wieder geht es um die Erlernung eines Balanceaktes zwischen den eigenen Grenzen und der Grenzen der Gemeinschaft, nur mit dem Unterschied, daß dafür eventuell Verletzungen hingenommen werden müssen. Die Regeln müssen unter der Gefahr von Schmerz erlernt und angewandt werden, erst dann kann der Korporierte vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft werden. Die Mensur stellt somit eine Zugangsbeschränkung zur „ritterlichen“ Gemeinschaft dar. Da sie durch Anordnung beliebig wiederholt werden kann, ist sie auch als ein Mittel der Kontrolle nach innen zu verstehen. Insgesamt ist, so heißt es im „Studentenhistorischen Lexikon“,
„die Intensität der sozialen Kontrolle in schlagenden Verbindungen (…) vergleichbar der in asketischen Sekten.“[37]
Die soziale Kontrolle durch die Mensur, vor allem als Integrationsmittel aber auch in der Abwehr nach außen, scheint das wichtigste Anliegen der Mensur. Die meisten Korporationen sind Männerbünde[38], die schlagenden sind ausnahmslos Männerbünde, so daß angenommen werden kann, daß es einen Zusammenhang zwischen der Mensur und dem Weiblichen gibt. Die gemeinschaftliche Konzeption der Korporation als Männerbund[39] mit Lebensbundprinzip und die Verfestigung des mensurbezogenen Reglements erfolgte verbindlich erst nach 1870/71, also zu einem Zeitpunkt, an dem die aufkommende Frauenbewegung und der entstehenden Feminismus erste große Erfolge verbuchen konnte.[40] Der Männerbund als Lebensbund erscheint so als eine Art Schutzgemeinschaft vor der Kampfansage der Frau an die männlich-dominierten Gesellschaftsfelder.[41] Die Mensur ist das symbolisch-rituelle Mittel für die Abwehr des Weiblichen. Diese Annahme läßt sich untermauern, denn – so Roland Girtler:
„Zum ‚gewöhnlichen Volk‘ gehört (…) vor allem die Frau, der es traditionell nicht gestattet ist, die ‚Geheimnisse‘ des Männerbundes zu ergründen.“[42]
Allgemein formuliert klingt das so:
„Die Mensur errichtet auch einen nicht zu unterschätzenden Damm gegen Unterwanderung und Umfunktionierung durch Feinde des Corpsstudententums, denen es zur Erreichung ihrer Ziele sonst nichts ausmachen würde, Mitglied zu werden, die es aber mindestens als höchst lästig empfinden würden, dafür den Kopf den langen Messern hinhalten zu müssen.[43]
Die Corps konstruieren hier einen vermeintlichen Feind[44] und zugleich symbolische Abwehrmittel, die allerdings eher der Intensivierung der eigenen Bindung und der Verstärkung der männlichen Identität dienen als ein „Damm gegen Unterwanderung“ zu sein.

Folgendes läßt sich an dieser Stelle zusammenfassend festhalten: Der Korporierte lernt sich fremden Regeln und der meist rein männlichen Gemeinschaft unterzuordnen. Dafür erhält er Zugang zur korporierten Gemeinschaft, das bedeutet für den Korporierten ein Angebot von Sicherheit und Geborgenheit und übertragung einer sicheren (männlichen) Identität in einer als chaotisch und feindlich empfundenen Umwelt – eine typisch konservative Sichtweise.[45] Die Erziehung zielt auf Selbstüberwindung und Einsatz für die Gemeinschaft ab. Es wird vermittelt, daß die Gemeinschaft wichtiger ist, als der Einzelne. Der Korporierte wird befähigt, sich in einem eng vorgegebenen Rahmen bewegen zu können und dabei gleichzeitig seine Grenzen zu wahren, die nur für die Gemeinschaft überschritten werden dürfen. Die Persönlichkeitsentwicklung, die mittels einer solchen Erziehung vorangetrieben wird, ist die eines Menschen, der sich schnell festgesetzten „Spielregeln“ unterordnen und zu eigen machen kann, um sich möglichst frei in und mit den Regeln bewegen zu können. Im beruflichen Leben ist das sicherlich von Vorteil, vor allem in Berufen, in denen nach festgesetzten Regeln (eindeutige Machtstrukturen, starke Hierarchien) gearbeitet wird.[46] Der Nachteil liegt in dem von der Gemeinschaft geforderten Zwang zur Selbstüberwindung, der Unterordnung unter Regeln, die nicht hinterfragt werden dürfen. Befehl und Gehorsam[47], dafür Anerkennung der Gemeinschaft ist der Grundgedanke des korporierten Zwangssystems, dem sich der Korporierte zu fügen hat und den er verinnerlichen muß. Er wird durch die korporierte Erziehung nahezu unfähig auf größere Veränderungen, die außerhalb seines antrainierten Ermessens liegen, angemessen zu reagieren und zeigt dadurch eine Affinität zum Konservativen, wie studentische Verbindungen überhaupt. Für die schlagenden Korporationen findet sich im „Studentenhistorischen Lexikon“ eine Bestätigung dieser Annahme:
„Bestimmungsmensuren zulassende Gemeinschaften tendieren weg vom Sozialismus; Forderungen zulassende Gemeinschaften tendieren zum Konservatismus.“[48]
Diese Aussage gilt aber auch für andere Korporationen, die, abgesehen von der Mensur, mit dem Convent und der Kneipe nahezu gleiche Erziehungsmethoden aufweisen, die sicherlich mit Abstufungen zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Für den CV kann der Hang zum Bewahrenden an der eigenen mangelnden Veränderungsbereitschaft dieses Verbandes und seiner Korporationen abgelesen werden:
„Von den die Verbindungen des CV konstituierenden und prägenden Merkmalen, also den Bestandteilen der Tradition, könnte das eine oder andere weggenommen werden; die Substanz der Tradition würde dadurch aber geschmälert. Man kann auf Charakteristika verzichten, aber dann würde etwas anderes als eine CV-Verbindung entstehen. Für die Verbindungen gilt, was von der Societas Jesu gesagt wurde: „sint ut sint, aut nun sint“. Anderes kann ebenso wertvoll sein; aber eine CV-Verbindung ist es dann nicht.“[49]

III. Der Verlauf einer Mitgliedschaft
Heute verstehen sich die studentischen Verbindungen als Erziehungsgemeinschaften, die eine Alternative zum Leben innerhalb der anonymen Massenuniversität bieten möchten.[50] Der Eintritt in eine Korporation markiert daher einen Wechsel zwischen anonym/groß/unsicher zu klein/überschaubar/sicher und bietet dem Studienanfänger ein Sicherheitsangebot, in der für jeden Erstsemester unsicheren und neuen, schlecht einschätzbaren Situation.[51]
Die Mitgliedschaft als Student, also die „Karriere“ eines Korporierten, weist eine Drei-Phasen-Struktur auf, die streng hierarchisch ist:
1. Die Phase der Integration, in der es der Korporation darum geht, das neue Mitglied möglichst vollkommen und zügig in die Gemeinschaft einzugliedern.
2. Die Phase der Festigung, in der sich das neue Mitglied mehr oder weniger unwiderruflich für die Korporation entschieden hat und die Korporation ihn aktiv für ihre Zwecke einsetzt.
3. Die Angliederungsphase, in der der mittlerweile zum „inaktiven“ Burschen aufgestiegene Student aus vielen Pflichten entlassen wird, um sein Studium zu beenden und sich auf den Einstieg in das Berufsleben vorbereiten zu können. Diese Phase endet mit der Aufnahme in die „Altherrenschaft“.
Die drei Phasen werden im Folgenden genauer geschildert:

1. Die Integrationsphase
Die Integrationsphase umfaßt zeitlich den Beginn der Anwerbung bis zur offiziellen Aufnahme des neuen Mitgliedes als Vollmitglied. Meistens dauert sie bis zu einem Jahr, selten länger.[52] Mit der Burschung findet die Phase ihren Abschluß. Zum Verlauf:
Korporationen werben ihren Nachwuchs meist gezielt an, z. B. anläßlich der ZVS-Einschreibung[53] durch Einladung zu einem Mittagessen oder bieten den Erstsemestern billigen, meist durch die Altherrenschaft subventionierten Wohnraum an. Ein solcher Anfang ist nicht zu unterschätzen, van Gennep schreibt dazu:
„Ein solcher Gabentausch hat eine unmittelbar verpflichtende Wirkung: ein Geschenk von jemanden akzeptieren heißt, sich an ihn binden.“[54]
Lebt der sogenannte „Spefuchs“[55] dann im Hause der Korporation, wird er zunächst unverbindlich zu einigen Veranstaltungen eingeladen, usw. Auch hier bleibt seitens der Verbindung nichts dem Zufall überlassen.[56] Der Neue wird gezielt in die Korporation integriert (z. B. darf er am Mittagstisch teilnehmen, lernt im öffentlichen Leben bedeutende „Alte Herren“ kennen, etc.). Nach einer kurzen Phase der Orientierung erklärt sich der Neue dann unter Umständen bereit, dem Bund beizutreten oder wird auf seinen Beitritt zur Gemeinschaft hin angesprochen. Tritt er bei, bekommt er (in farbentragenden Bünden) zunächst das meist zweifarbige Band als Zeichen der Mitgliedschaft verliehen (jetzt darf er z. B. auch die anderen Mitglieder duzen), ist damit Fuchs[57], also sozusagen Anwärter auf eine Vollmitgliedschaft und befindet sich in der Probezeit. Damit ist eine eindeutige Statuszuweisung verbunden. Als eine Art Novize[58] ist der Fuchs derjenige, der in der Hierarchieleiter an unterster Stelle steht. Zur Erleichterung der Integration, aber auch zur Kontrolle[59] muß sich der Fuchs einen sogenannten „Leibburschen“[60] wählen, der ihn in schwierigen Lagen vertreten kann. Zusätzlichen bekommt er Unterricht vom für die Nachwuchserziehung zuständigen „Fuchsmajor“ (gelernt wird das Reglement, die Geschichte der Korporation, des Dachverbandes, etc.). Erst nach und nach werden die Regeln der Korporation angewandt, so daß das neue Mitglied die beginnende Erziehung kaum bemerkt:
„Dieser Formungsprozeß vollzieht sich in der Regel weitgehend unmerklich für das einzelne Mitglied (…).“[61]
Der Fuchs hat nur eingeschränkte Rechte in den Organen der Korporation (z. B. auf den Mitgliederversammlungen), aber volle Pflichten, so muß er an jeder Veranstaltung teilnehmen[62] und Anweisungen (z. B. vom Fuchsmajor) mit „unbedingtem Gehorsam“ ausführen.[63] Manchmal ist es aus Sicht der Korporation auch notwendig, inhaltlich und zeitlich mehr Druck auf das neue Mitglied auszuüben,[64] um eventuell vorhandene Widerstände und Differenzen zu begegnen,[65] schließlich soll der Korporierte die Regeln rückhaltlos akzeptieren und verinnerlichen.
Die kurze Integrationsphase wird begleitet von einer Anzahl unterschiedlicher Rituale. Zu nennen sind u. a. ein Adoptionsritual, das mit einer Namensgebung (Biername) verbunden ist, das offizielle Aufnahmeritual als Initiation (mit Statusänderung) und bei den schlagenden Korporationen die Bestimmungsmensur als besonderes Initiations- und Männlichkeitsritual. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer, sich ständig wiederholender Rituale, wie z. B. Trinkrituale. Insgesamt entsteht ein rituelles Feld, das neben den Initiationen den Zweck einer emotionalen Vergemeinschaftung erfüllt:
„Die zwischenmenschlichen Tugenden, die uns zur Persönlichkeit prägen, lassen sich indessen nicht durch Vorlesungen, Seminare oder Predigten tradieren, man muß sie durch die Riten einer kleinen Gruppe, durch das Brauchtum einer Lebensform, durch das Vorbild der älteren mehr unterschwellig als lehrhaft, mehr emotional als verstandesmäßig zur Gewohnheit, zum Habitus, zur Lebensart machen.“[66]
Mit den Ritualen lernt das Mitglied das Reglement kennen, erfährt die für die Korporation wichtigen inhaltlichen Zusammenhänge und vor allem den Umgang mit den anderen Korporierten sowie mit der Gemeinschaft, in die er sich integrieren muß. Insgesamt zeichnet sich die Integrationsphase für das neue Mitglied durch hohe zeitliche und inhaltliche Dichte aus, durch die er einerseits aus der universitären Umgebung in die Korporation hineingezogen und ihm andererseits die Möglichkeit zur Reflexion seines Tuns bewußt stark eingeschränkt wird. Ziel ist dabei nicht nur das Erlernen der Regeln, sondern auch eine Reduzierung des Fuchsen zur „prima materia“,[67] die müheloser geformt, bzw. erzogen werden kann.

2. Die Phase der Festigung
Diese Phase umfaßt ca. drei Semester, so daß der Korporierte zuzüglich der Fuchsenzeit mindestens vier Semester, also zwei Jahre der Korporation aktiv zur Verfügung steht.
Auch in dieser Phase bleibt die zeitliche und inhaltliche Belastung des Korporierten hoch. Jedoch hat sich durch die „Burschung“ sein Status verändert. Er ist nun vollwertiges Mitglied auf Lebenszeit, genießt die vollen Rechte und ist damit in der Lage, seinerseits die Gemeinschaft mitzugestalten, ämter zu bekleiden[68] und die Korporation nach außen zu vertreten. Wurde der Korporierte in der Integrationsphase erzogen, so ist er nun in der Position selbst zu erziehen. War er vorher derjenige, der die Befehle auszuführen hatte, so ist er nun derjenige, der die Befehle gibt. Zeichnete sich die Integrationsphase durch eine Erziehung durch Zwang aus, so wird in der Festigungsphase durch angeleitete Regelanwendung erzogen. Der Korporierte hat als „Fuchs“ die Regeln verinnerlicht, die ihm nun als Leitlinien zur Ausgestaltung des korporierten Gemeinschaftslebens dienen.
Die Festigungsphase ist die Zeit des spielerischen Umgangs mit den Regeln, also die Zeit, in der er sich „frei“ im Raum der Regeln bewegen und diese auf andere Mitglieder anwenden darf. Bezogen auf den Begriff der Freiheit kann man von folgendem Verständnis der Korporierten ausgehen:
„Freiheit heißt nicht, tun und lassen können, was man will, sondern was man soll.“[69]

3. Die Angliederungsphase
Die Phase der Angliederung bezeichnet die „inaktive“ Zeit des Korporierten, in der dieser sein Studium beendet und sich auf den Eintritt in das Berufsleben (und damit auf seine Rückkehr in die Gesellschaft) vorbereitet. Je nach Studiumsdauer umfaßt diese Phase eine Zeitraum von zwei Jahren und mehr. Die „Inaktivität“ des Korporierten wird auf Antrag an die Gemeinschaft von dieser auf dem zuständigen Convent beschlossen.[70] Den Abschluß der Inaktivenzeit bildet die „Phlistrierung“, also die förmliche übernahme des Korporierten in die „Altherrenschaft“[71], die gleichfalls durch Beschluß des zuständigen Conventes vollzogen wird. Als inaktiver Bursch muß der Korporierte nicht mehr allen Verpflichtungen der korporierten Gemeinschaft nachkommen und steht dieser eher beratend zur Verfügung. Seine Rechte bleiben davon unberührt. Erst sein Status als „Alter Herr“ verändert noch einmal sowohl Rechte als auch Pflichten. Der „Alte Herr“ subventioniert die korporierte Gemeinschaft, steht beratend zur Seite, kann aber notfalls auch in die Geschicke der sogenannten „Aktivitas“ eingreifen.[72]

Der Mitgliedschaftsverlauf selbst weist eine Drei-Phasen-Struktur auf, die an die Beschreibung des „übergangsrituals“ von van Gennep erinnert.[73] Van Gennep unterscheidet eine Trennungsphase (hier Integrationsphase), eine Umwandlungsphase (hier Festigungsphase) und eine Angliederungsphase (hier gleicher Begriff), die dem korporierten Mitgliedschaftsverlauf entsprechen.[74] Die studentische Korporation kann daher als ein übergangsritual bezeichnet werden, das seine Funktion in der „Kontrolle der Dynamik des sozialen Lebens“[75] hat. Die Korporation trennt dazu die neuen Mitglieder aus ihrem dem bisherigen Leben/Umfeld und fügt sie in ihr „sicheres Zwangssystem“ mit einer Vielzahl von Methoden ein. Dabei wendet die Gemeinschaft teilweise Methoden an, die auf eine gezielte Bewußtseinsveränderung abzielen. Insbesondere durch die Vielzahl und Intensität der Rituale[76] erfolgt eine emotionale Vereinnahmung des Neuen durch die korporierte Gemeinschaft, eine Vergemeinschaftung, die von Seiten der Korporierten keineswegs abgestritten wird, denn die Erziehung soll schließlich den „ganzen“ Menschen formen.[77]
Die in der Gemeinschaft vorhandenen Inhalte werden während des Erziehungs- und Formungsprozesses von dem neuen Mitglied verinnerlicht und anschließend gefestigt, um danach den Korporierten in die Gesellschaft und zwar in „genau definierte Positionen“[78] zu entsenden. Damit bekommen die Inhalte der Erziehung (z. B. strenge Hierarchie, speziell-korporierte Männlichkeit, konservative Grundstruktur, autoritärer Charakter) und auch das Zitat von Manfred Kanther eine besondere Brisanz, denn es ist nun deutlich, daß die Korporationen mehr als eine sich gegenseitig stützende Gemeinschaft sind. Ein Teil ihrer Funktion besteht nämlich im „Entsenden“ Gleichgesinnter in die Gesellschaft mit dem erklärten Ziel des Elite-sein-Wollens[79] und damit auch mit dem Ziel, die Gesellschaft den erlernten korporierten Inhalten entsprechend mitgestalten zu wollen.

IV. Zur Kritik am studentischen Korporationswesen
Die übliche Kritik am Korporationswesen macht sich hauptsächlich an zwei zentralen Themenkomplexen fest: Zum einen werden die studentische Korporationen in Hinblick auf ihre Geschichte kritisiert (Nationalismus/Antisemitismus); insbesondere wird vielen Dachverbänden zur Zeit des Dritten Reiches (teilweise zurecht) die in weiten Teilen erfolgte Kooperation mit den Nationalsozialisten vorgeworfen. Zum anderen bezieht sich die geäußerte Kritik auf die gegenwärtige politische Orientierung einzelner Dachverbände, in deren Zentrum sicherlich die Deutsche Burschenschaft steht, die durch das von ihr vertretene völkische Prinzip eindeutig dem Rechtsextremismus zuzuordnen ist, zumal einzelne Bünde dieses Verbandes darüber hinaus personelle Verflechtungen zu rechten Parteien aufweisen; zu nennen sind hier vor allem die Republikaner und die NPD. Beide Kritikansätze stützten und stützen sich meist auf programmatische Beschlüsse und Veröffentlichungen, Aussagen und Selbstdarstellungen der Korporationen und ihrer Dachverbände. Zusätzlich wird die Kritik häufig mit nachgewiesenen Personennetzwerken gesättigt.
Diese kurze Abhandlung zeigte einen weiteren Weg zur kritischen Auseinandersetzung mit dem studentischen Korporationswesen auf, indem sie die internen Mechanismen der korporierten Gemeinschaften zum Gegenstand der Betrachtung machte. Denn allein durch die erfolgte knappe Analyse der formulierten korporierten Zielsetzung (elitärer Anspruch), der gemeinschaftlichen Konzeption (Männerbund/Ausschluß des Weiblichen) und der eingesetzten Mittel zur Persönlichkeitsformung der Mitglieder (Kollekivierung contra Individualisierung – die erzieherische Wertschätzung) wurde deutlich, daß die Korporationen nach wie vor Träger von Vorstellungen obrigkeitsstaatlichen Denkens, strenger Hierarchie, Befehl und Gehorsam, Unterordnung, Pflichterfüllung und Mannesehre, also Träger mindestens konservativem Gedankengutes sind. Die Ergebnisse dieser kurzen Arbeit weisen darauf hin, daß sich das konservative Gedankengut in den Korporationen durch den vertretenden elitären Anspruch zu einem Elitarismus verdichtet, der vor allem in den reinen Männerbünden, zumal schlagend, paart mit einem ausgesprochenen Antifeminismus und einem spezifisch männlichen Autoritarismus, der sich sowohl in der korporierten Erziehung, als auch in vielen korporierten Repräsentanten wiederspiegelt und insgesamt zu einem Korporatismus verschmilzt, der einer Vorstellung von einer (geschlechtlichen) Chancengleichheit, einer pluralistischen und offenen Gesellschaft oder gar einer persönlich entwickelbaren Individualität diametral entgegensteht.

Zur Person:
Stephan Peters MA, Jahrgang 1969, Doktorand und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaften der Philipps-Universität Marburg

[1] Vgl. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. März 2000.
[2] Vgl. Westdeutsche Zeitung, 1. April 2000, Artikel von Christian Röwekamp.
[3] Vgl. ebenda.
[4] Vgl. Oberhessische Presse, 28. Mai 1990. Das Wort „Entsenden“ suggeriert eine Bewegung von den Verbindungen in die Gesellschaft, nicht umgekehrt.
[5] Vgl. Vorstand des Verbandes Alter Corpsstudenten e. V. (VAC) (Hrsg.), Handbuch des Kösener Corpsstudenten, Würzburg 1985, Band 1, Seite 212 ff. Der KSCV ist ein farbentragender und pflichtschlagender Verband
[6] Vgl. Verband Alter KVer e. V. (Hrsg.), KV-Jahrbuch, Würzburg 1997. KV ist der Kartellverband der katholischen deutschen Studentenvereine.
[7] Vgl. Gesellschaft für Studentengeschichte und studentisches Brauchtum e. V. (Hrsg.), Gesamtverzeichnis des CV, München 1996. Der CV ist ein farbentragender, nichtschlagender und katholischer Verband.
[8] Z. B. der KSCV, dem u. a. der ehem. Bundesinnenminister Kanther (CDU), der ehem. Bundesjustiz-minister Schmidt-Jorzig (FDP) oder auch der Vorstandsvorsitzende der Allianz Schulte-Noelle angehören. Vgl. VAC-Vorstand Nürnberg-Fürth (Hrsg.), Kösener Corpslisten 1996, Nürnberg-Fürth 1998.
[9] Hier muß das sozialistische System fast völlig und die Zeit des Nationalsozialismus teilweise ausgenommen werden. Zum letzteren: Die meisten Korporationsverbände bekämpften – zum Teil aktiv – die Weimarer Republik und begrüßten die Machtübergabe im Januar 1933. Im Zuge der Gleichschaltung integrierten sich einige Verbände mehr freiwillig in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB), so z. B. die Deutsche Burschenschaft am 18. Oktober 1935 (vgl. Handbuch der Deutschen Burschenschaft, 1982, Seite 2.1.017) oder wurden zwangsaufgelöst, so z. B. die Verbindungen des CV zum 20. Juni 1938 (vgl. Festschrift zum 80. Stiftungsfest der KDStV Palatia im CV zu Marburg, Marburg 1987, Seite 89). Das korporierte Leben wurde jedoch nicht völlig unterbunden, hierzu vgl. z. B. für den KSCV Friedhelm Golücke/Rainer Müller/Paul Warmbrunn (Hrsg.), Rosco G. S. Weber, Die deutschen Corps im Dritten Reich, Köln 1998.
[10] Vgl. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. März 2000, äußerungen von Schmidt-Jorzig oder Eberhard Diepgen.
[11] Vgl. ebenda.
[12] Vgl. Roland Girtler, Corpsstudentische Symbole und Rituale – die Traditionen der Antike und der frühen Universitäten, in: Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, 1998, Seite 378.
[13] Vgl. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 1985, Band 2, Kapitel 2: Kösener Statuten, Satzungen – Ordnungen, Seite 2/3.
[14] Vgl. CV-Handbuch, 1990, Seite 269.
[15] Auf die Einbeziehung kritischer Arbeiten zum Thema „studentische Verbindungen“ wurde weitgehend verzichtet, um einen möglichst weiten Interpretationsspielraum gewährleisten zu können.
[16] Vgl. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 1985, Band 1, Seite 326. Historisch betrachtet beinhaltet der Comment das „Wie“, wie sich ein „honoriger Bursch“ auf der Universität zu verhalten hat.
[17] Vgl. Lothar Braun/Armin Gehlert/Bernhard Grün (Hrsg.), Bernhard Grün/Achim Weghorst, Comment im CV, Studentisches Brauchtum in Vergangenheit und Gegenwart,Würzburg 1993.
[18] Vgl. Alfred Kästl, Gegenwärtige Lage des Korporationsstudententums, in: Theodor Hammerich (Hrsg.), Handbuch für den Weinheimer Senioren-Convent, Bochum 1971, Kapitel 2.1.4., Seite 19. Die Ansicht, daß Convent, Kneipe und Mensur die zentralen Bestandteile des Corpslebens seien, liest man auch im Handbuch des Kösener Corpsstudenten, a. a. O., Kapitel 8, bzw. 9.
[19] Vgl. Friedhelm Golücke/Wolfgang Gottwals/Peter Krause/Klaus Gerstein (Hrsg.), Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 72.
[20] Vgl. zur Thematik und Wertung des Conventes Helmut Neuhaus, Die Konstitutionen des Corps Teutonia Marburg. Untersuchungen zur Verfassungsentwicklung eines Kösener Corps in seiner 150jährigen Geschichte, Marburg 1979, Seite 77 ff.
[21] CV-Handbuch, a. a. O., Seite 218.
[22] ebenda, Seite 217.
[23] Vgl. ebenda, Seite 222.
[24] Vgl. Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 153.
[25] Vgl. ebenda, Seite 154.
[26] Vgl. ebenda, Seite 154.
[27] Vgl. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, a. a. O., Band 1, Seite 176.
[28] Zur tiefer liegenden Bedeutung: Vgl. Victor Turner, Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt am Main 1989, Seite 85.
[29] Der hiermit verbundene Trinkzwang wurde zwar offiziell 1927 aufgehoben, besteht aber inoffiziell weiter. Vgl. Menno Aden, Die studentische Kneipe und der Mos Graecus, in: KSCV/VAC/WSC/WVAC (Hrsg.), Corps. Das Magazin, Verbandszeitschrift des KSCV und des WSC, Heft 3/2001, Seite 41.
[30] Vgl. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, a. a. O., Band 1, Seite 176.
[31] Vgl. Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, a. a. O., Seite 178.
[32] Der für die Aufnahme obligatorischen Bestimmungsmensur kommt die Bedeutung eines Initiationsrituals zu. Vgl. Roland Girtler, Corpsstudentische Symbole und Rituale – die Traditionen der Antike und der frühen Universitäten, in: Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“, a. a. O., Seite 371.
[33] Vgl. Hermann Rink, Die Mensur, ein wesentliches Merkmal des Verbandes, in: Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“, a. a. O., Seite 385.
[34] Vgl. ebenda, Seite 384. Das Gemeinschaftsgefühl wird durch das Schlagen sogenannter „PP-Suiten“ noch gestärkt. PP steht für „Pro Patria“, wobei damit oftmals nur das eigene Corps gemeint ist. Vgl. zum Thema PP: Die Mensur. Herkunft, Recht und Wesen, Dokumentation des KSCV, 1968, Seite 24. In dem Heft ist auch der Verlauf einer Mensur eingehend beschrieben.
[35] Vgl. Joachim Raack, Vom Sinn und Wert der Mensur, in: Die Wachenburg. Zeitschrift des Weinheimer SC, Heft 3/1983, Seite 116. Der Weinheimer SC ist mit dem KSCV assoziiert und vertritt in Bezug auf die Mensur die gleiche Auffassung wie der KSCV.
[36] Vgl. Die Mensur. Herkunft, Recht und Wesen, Dokumentation des KSCV, 1968, Seite 12.
[37] Vgl. Hypothese von Werner Lackner in: Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 179.
[38] Die Korporationen des CV und des KSCV sind reine Männerbünde. Es gibt aber auch einige wenige gemischtgeschlechtliche und ganz wenige reine Frauenverbindungen. Vgl. CDK/CDA, Vielfalt und Einheit der deutschen Korporationsverbände, 1998, Seite 238 f.
[39] Der Begriff „Männerbund“ tauchte erst um die Jahrhundertwende (vom 19. zum 20. Jahrhundert) auf.
[40] Der detaillierte Nachweis erfolgt in meiner Dissertation, die Veröffentlichung ist für den Sommer 2003 geplant.
[41] Vgl. Robert W. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999, Seite 211.
[42] Vgl. Roland Girtler, Corpsstudentische Symbole und und Rituale – die Traditionen der Antike und der
frühen Universitäten, in: Rolf- Joachim Baum (Hrsg.), Wir wollen Männer, wir wollen Taten, Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, 1998, Seite 370. Auch der CV sieht dies nicht anders. Vgl. CV-Handbuch, 1990, Seite 273.
[43] Vgl. Joachim Raack, Vom Sinn und Wert der Mensur, in: Die Wachenburg. Zeitschrift des Weinheimer SC, Heft 3/1983, Seite 116.
[44] Hierzu Fußnote 52 und 53 in: Elisabeth Badinter, XY. Die Identität des Mannes, München 1993, Seite 229.
[45] Vgl. Kurt Lenk, Deutscher Konservatismus, Frankfurt am Main 1989, Seite 195 ff.
[46] Dazu paßt dann auch die Wahl der Studienfächer vieler Korporierter: Rechtswissenschaft, Betriebswirtschaft, teilweise Ingenieurswissenschaften und Medizin, weniger in den Geschichts-wissenschaften. Kaum findet man Korporierte in Fachbereichen wie Politikwissenschaften, Soziologie oder Pädagogik.
[47] Bis Mitte der 90iger Jahre stand der „unbedingte Gehorsam“ noch in der Satzung der KDStV Palatia im CV zu Marburg. Vgl. Satzung der KDStV Palatia im CV zu Marburg, Marburg 1984, § 24c.
[48] Vgl. Hypothese von Werner Lackner in: Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 179.
[49] Vgl. CV-Handbuch, Seite 358.
[50] Vgl. z. B. Weinheimer Verband Alter Corpsstudenten e. V. (Hrsg.), Karten Schaumann/Torsten Schaumann, Studienplaner. Studieren – aber richtig, Darmstadt 1999, Seite 74.
[51] Vgl. Victor Turner, Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur, Frankfurt am Main 1989, Seite 161
[52] Im CV ist die Zeit meist kürzer als im Corps. Offiziell sieht z. B. die KDStV Palatia eine Fuchsenzeit von 5 Monaten ohne die Ferien vor (Vgl. Satzung der KDStV Palatia im CV, Marburg 1984, § 22), bei den Corps sind es meist zwei Semester.
[53] ZVS ist die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen. Für die Einschreibung in einen ZVS-Studiengang gibt es feste Zeiten, was den Korporierten die Werbung erleichtert.
[54] Vgl. Arnold van Gennep, übergangsriten, Frankfurt am Main 1986, Seite 37.
[55] Vgl. Erich Bauer, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 1964, Seite 21.
[56] Vgl. WVAC/VAV (Hrsg.), Finden, überzeugen, gewinnen. Nachwuchshandbuch für Corpsstudenten, Hamm 2001, mit 1. Aktualisierung 8/2002.
[57] Der Begriff Fuchs stammt vom lat. Faex – Bodensatz ab. Vgl. Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 113.
[58] Vgl. Victor Turner, Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur, Frankfurt am Main 1989, Seite 95. Nach Turner sind die Novizen, bzw. Neophyten als besitzlose, sich demütig verhaltene, ja sogar geschlechtslose Wesen. Turner zieht in diesem Zusammenhang auch die Parallele zum Geheimbund.
[59] Vgl. CV-Handbuch, 1990, Seite 192.
[60] Vgl. Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 167 f.
[61] Vgl. CV-Handbuch, 1990, Seite 159.
[62] Vgl. Satzung der KDStV Palatia im CV, Marburg 1984, § 24 b.
[63] Vgl. ebenda, § 24 c.
[64] Vgl. Golücke/Grün/Vogel, Die Fuxenstunde, Würzburg 1996, Seite 21.
[65] Ein Signal, daß der Fuchs sich gegen die Erziehung wehrt, ist oftmals der „Fuchsenkater“, ein seelischer Zustand, in dem ein Fuchs sich befindet, weil er sich (noch) nicht in die Gemeinschaft einfügen will. Vgl. Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 116.
[66] Vgl. Herbert Kessler, Rede anläßlich des 135. Stiftungsfestes des Corps Franconia Berlin zu Kaiserslautern, in: Die Wachenburg, Heft 1/1986, Seite 3.
[67] Vgl. Victor Turner, Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur, Frankfurt am Main 1989, Seite 162.
[68] Der Vorstand einer Korporation beinhaltet meist die ämter Senior (Vorsitzender), Consenior (Stellvertreter), Schriftwart, Kassenwart und Fuchsmajor (Nachwuchswerbung und Erziehung). Verfestigt werden hier die Regeln durch deren Anwendung in der Repräsentation (Senior), der Organisation (Consenior), im „Human Ressource Management“ (Fuchsmajor), der Revision (Kassenwart) und der Protokollierung (Schriftwart). Vgl. Satzung der KDStV Palatia im CV, Marburg 1984, §§ 71 ff.
[69] Vgl. CV-Handbuch, 1990, Seite 360.
[70] Vgl. Satzung der KDStV Palatia im CV, Marburg 1984, §§ 33, 34, 35, 36, 37.
[71] Vgl. ebenda, § 44.
[72] Vgl. ebenda, §§ 45, 46, 47, 48, 49.
[73] Vgl. Arnold van Gennep, übergangsriten, Frankfurt am Main 1986, Seite 29.
[74] Vgl. ebenda, Seite 29 ff.
[75] Vgl. Sylvia M. Schomburg-Scherff, Nachwort, in: Arnold van Gennep, übergangsriten, Frankfurt am Main 1986, Seite 239.
[76] Vor allem die wichtigen Rituale wie Aufnahme, Mensur, etc. erfüllen sämtliche Komponenten in der Beurteilung eines Brauches, ob er ein Ritual ist. Vgl. Axel Michaels, „Le rituel pour le rituel“ oder wie sinnlos sind Rituale, in: Corina Carduff/Joanna Pfaff-Czarnecka (Hrsg.), Rituale heute. Theorien – Kontroversen – Entwürfe, Berlin 1999, Seite 29 ff.
[77] Vgl. Herbert Keßler, in: CDK/CDA (Hrsg.), Vielfalt und Einheit der deutschen Korporationsverbände, a. a. O., Seite 15.
[78] Victor Turner, Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt am Main 1989, Seite 35.
[79] Vgl. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, a. a. O., Band 1,

dokumentation einer veranstaltung der gruppe gegenstrom und des a:ka im januar 2003


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