Die Geschichte zum Zug der Erinnerung, der seit heute in Göttingen Halt macht, ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die deutsche Gesellschaft noch immer mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit tut. Nachdem die Deutsche Bahn Anfang des Jahres Gedenkveranstaltungen und Ausstellungen zu den von der Reichsbahn deportierten Menschen in den Bahnhöfen verbot und sogar zum Teil mit Gewalt beenden liess, sind die Organisatoren nun auf die Schienen ausgewichen. Aber auch dieses Projekt wird behindert. Mehrere Zehntausend Euro verlangt die Bahn für die Nutzung der Schienen, das Verkehrsministerium lehnte eine finanzielle Unterstützung ab.

Verdrängung oder Relativierung, davon wird auch heute noch ein großer Teil der deutschen Erinnerungspolitik bestimmt. Besonders deutlich wird dies beim Gedenken an die Zerstörung Dresdens durch die Allierten. Die Zerstörung der ostdeutschen Großstadt markierte den Anfang vom Ende des kollektiven nationalsozialistischen Wahns – als Symbol steht Dresden heute aber vor allen Dingen für das Leid der Deutschen. Wie eine nachträgliche Absolution für die vorangegangenen Verbrechen wird die Zerstörung Dresdens benutzt, um zu zeigen, dass auch die Deutschen in erster Linie Opfer, und nicht Täter gewesen sein sollen. Die Bombardierung der Stadt im Februar 1945 wird aus dem politischen Kontext gerissen, im öffentlichen Diskurs geht es in der Regel um die arme, wehrlose Zivilbevölkerung, die grundlos und mit unnötiger Brutalität angegriffen wurde.

Dabei wird bewusst verdrängt, dass Nazi-Deutschland und die begeisterte Bevölkerung zuvor sechs Jahre lang versucht hatten, die arische Weltherrschaft zu begründen, verbunden mit Millionen von Toten und der Zerstörung ganzer Landstriche. Und trotz aller militärischen Rückschläge und des Bewusstseins über die Verbrechen in den Konzentrationslagern und den besetzten Gebieten machte die Mehrheit der Deutschen keinerlei Anstalten, sich gegen das Regime zu erheben.
All dies wird jedoch ausgeblendet, beim Gedenken an die Opfer von Dresden geht es in erster Linie um die Relativierung der Verbrechen der Deutschen. Dass sie nur den „totalen Krieg“, den sie wenige Jahre zuvor begeistert begonnen hatten, nun auch bekamen, spielt keine Rolle. Die Bombardierung Dresdens wird nicht als Antwort auf den Terror der Deutschen gesehen, sondern als Beweis dafür genommen, dass die Allierten genauso schlimm waren.

So sprechen die Nazis heute vom „Bombenholocaust“ wie der NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel im sächsischen Landtag, während das bürgerliche Lager die „unmenschlichen Verbrechen der Alliierten“ oder den „Bombenterror“ anprangert.

„Aber das war es doch auch. Wurden in Dresden etwa nicht wertvolle, barocke Kunst- und Kulturschätze sinnlos zerstört, ohne dass es irgendwelche kriegswirtschaftlich und militärisch relevanten Anlagen besaß?“

Eben nicht. Die Stadt war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Versorgung der Ostfront, sie bezeichnete sich selbst als einer der wichtigsten Industriestandorte des „Reiches“ und stellte 1944 sämtliche Industrie auf Rüstungsproduktion um.

„Aber das ist doch kein Grund, die wehrlose und unschuldige Zivilbevölkerung zu bombadieren.“

Dresden besaß die höchste Pro-Kopf-Dichte von NSDAP Mitgliedern, über das unschuldig lässt sich da sehr wohl streiten.

„Aber, das rechtfertigt doch nicht über 100.000 Tote.“

Erstens gehen unabhängige Historiker mittlerweile von um die 30.000 Toten aus. Viel wichtiger ist aber, dass es nicht darum ging, möglichst viele Zivilisten zu töten, wie oft behauptet wird. Bei den Bombenangriffen ging es vor allen Dingen um eins: Deutschland im Ganzen handlungsunfähig zu machen, und die Deutschen daran zu hindern, das zu tun, was sie taten, wenn man sie nicht daran hinderte. „An eine geregelte Behördenarbeit war nicht mehr zu denken“ schrieb Adolf Eichmann, Hauptorganisator der Deportationen, über die alliierten Bombenangriffe zur Jahreswende 1944/1945 in Berlin, was die Wirkung der Bombardierung bestätigt. So verhinderte der Angriff auch die, noch im Februar geplante, Deportation von über 100 Dresdner Juden und Jüdinnen und die Hinrichtung einiger politischer Gefangener auf dem Münchner Platz. Eine Dresdner Jüdin, die überlebt hat, drückte es so aus: „Lieber eine Bombe auf den Kopf, als nach Auschwitz“

Aber dieser Kontext hat keinen Platz in der deutschen Erinnerung. In der Geschichtswahrnehmung und -vermittlung lebte die unschuldige Stadt mit den mehreren hunderttausend zivilen Opfern fort. Hingegen fand die deutsche Kriegsschuld kaum Beachtung, es sei denn man konnte sie auf die NS-Eliten abwälzen. Die DDR übernahm in den 50er Jahren die Goebbelsche Wortschöpfung der „anglo-amerikanischen Luftgangster“ und die Friedensbewegung nutzte ab den 80-er Jahren Dresden als Anti-Kriegs-Symbol, wodurch sie das singuläre Gedenken an die Dresdner Opfer – ohne einen Verweis auf die deutsche Kriegsschuld – auch für vermeintlich kritische oder linke BürgerInnen möglich machte.

Mit einer solchen partiellen Sichtweise auf die Geschichte, die Tatsachen verdreht, werden im nächsten Schritt auch alle Opfer gleich. Die Fokussierung auf „deutsche Opfer“ ist aber nur möglich, indem entweder die Betrachtung der „Opfer von Vertreibung und Bombardement“ abgespalten vom Kontext Nationalsozialismus, deutscher Vernichtungskrieg und Shoah vorgenommen wird, oder die „deutschen Opfer“ mit Opfern des Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. In diesem Sinne beschrieb der Historiker Jörg Friedrich in seinem Bestseller „Der Brand“ die Luftschutzkeller als „Krematorien“ und sprach in Bezug auf zerstörte Bibliotheken von „Bücherverbrennung“. In einem Interview verneinte er, dass es einen Unterschied gebe zwischen den jüdischen Kindern in Auschwitz und den Kindern in Dresden. Oder die sächsische Zeitung, die die Schuldfrage umdreht und nicht von den Deutschen, sondern von den Briten eine Aufarbeitung einfordert, denn – Zitat – „Diese Verdrängung dauert fort. Und dabei haben die Briten es nötiger als die Deutschen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen.“

Dieser Geschichtsrevisionismus liefert all denjenigen Argumente, die endlich einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen wollen. Es ist wenig verwunderlich, dass auch die Nazis dabei sein wollen. In den letzten Jahren hat sich der alljährliche „Trauermarsch“ zu einer der größten Nazi-Veranstaltungen Deutschlands entwickelt. 2005 fand mit 6.500 Menschen einer der größten Neoazi-Aufmärsche der deutschen Nachkriegsgeschichte statt. Trotz verstärkter antifaschistischer Proteste in den vergangenen Jahren, konnten letztes Jahr erneut über 1000 Nazis am 13. Februar durch die Stadt marschieren. Am Morgen des gleichen Tages hatten BürgerInnen, VertreterInnen von Stadt und Land zusammen mit der NPD offiziell ihren gemeinsamen Opfern auf dem Heidefriedhof gedacht. Am gemeinsamen Gedenken wird deutlich: das Problem ist nicht eine Vereinnahmung des Gedenkens von Seiten der Neonazis, sondern die inhaltliche Übereinstimmung bezüglich des Umgangs mit der deutschen Geschichte.

Eine wirkliche Vergangenheitsbewältigung und ein ehrliches Erinnern kann nur bedeuten, Dresden als Antwort auf den deutschen Terror zu begreifen und sich den historischen Ursachen bewußt zu werden, die den Holocaust als deutsches Produkt möglich gemacht haben. Und dies kann wiederum nur eines zur Folge haben: den Glauben an die deutsche Nation ablegen und ihre völkischen und antisemitischen Grundlagen bekämpfen.

„Nie wieder Auschwitz“ war der Schwur der KZ-Überlebenden. Für uns heisst das auch „Nie wieder Deutschland“.

GruppeGegenstromGöttingen Dezember2008


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