61 Jahre ist es nun her, dass die Welt von den Deutschen befreit wurde. Für die Verfolgten und die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland und der ganzen Welt war es ein Tag der Befreiung und der Freude. Für die deutsche Linke konnte dieser Tag allerdings kein eigener Sieg sein und auch nicht als solcher gefeiert werden. Sie hatte nichts wesentliches dazu beigetragen, denn es bedurfte der militärischen Gewalt der Alliierten, um den deutschen Vernichtungswahn zu stoppen. Und auch an der Aufgabe, die aus der NS-Vergangenheit erwuchs – eine andere Welt zu schaffen, in der sich Auschwitz nicht wiederholen könne – auch an dieser Aufgabe ist man gescheitert.

Und genau deshalb stehen wir heute hier, hören uns unsere eigenen Redebeiträge an und versuchen irgendwie der Normalisierung und dem neuen deutschen Selbstbewusstsein etwas entgegen zu stellen.

Denn die Deutschen wollen wieder stolz auf ihr Land sein dürfen und sich nicht weiterhin für die sogenannten 12 schwarzen Jahre schämen müssen. Doch waren der Nationalsozialismus und der Holocaust nicht eine kurze dunkle Zeit in der deutschen Geschichte oder gar ein Ausrutscher, sondern vielmehr der – hoffentlich nicht nur vorläufige – Höhepunkt einer langen Entwicklung.

So haben sich die Deutschen auch nicht selber befreit, im Zuge einer Revolution die Macht an sich genommen und Hitler zum Teufel gejagt. Nein, sie mußten besiegt werden.

Nach dem Krieg hörten die Deutschen zwar zunächst auf, ihre antisemitischen und nationalistischen Einstellungen weiter auszuleben, aber nicht etwa, weil sie es nicht mehr wollten. Die Alliierten haben die „Entnazifizierung“ vorgenommen: den Deutschen wurden die Schulbücher geschrieben, ihnen wurde im Westen die Demokratie aufgezwungen und der im Osten der Sozialismus . Es war keine Frage innerer Einstellung, ob man weiter nationalistisch oder antisemitisch reden oder schreiben wollte. Es war einfach nicht mehr möglich. Damit sie, wenn sie schon mal den Mund aufmachen, nicht den gleichen todbringenden Schwachsinn reden, wie 10 Jahre vorher, wurde alles verboten, was irgendwie mit „Nazi“ in Verbindung stand. Zum Glück.

61 Jahre später haben sich die Verhältnisse und das Denken, aus dem der deutsche Faschismus und die Shoah hervorgegangen sind, in ihren Grundzügen nicht geändert. Und eine ernst zunehmende Auseinandersetzung mit völkischem Denken, deutschem Nationalismus und Antisemitismus hat vor allem in Form von unzähligen Guido Knopp-Reportagen stattgefunden – also gar nicht.

Mittlerweile steht diese Vergangenheit und der Holocaust offensichtlich einer deutschen Identität nicht mehr im Weg, sondern stärkt sie und wird als gruseliger Teil der eigenen Geschichte wahrgenommen. Der gemeinschaftliche Massenmord der Deutschen wird paradoxerweise als Auszeichnung angesehen, welche Deutschland als militärische Friedensmacht besonders geeignet darstellt. So werden Kriegseinsätze mit Auschwitz begründet und Touristengruppen stolz durch das Holocaust-Mahnmal geführt.

Während mit der „DubistDeutschland“-Kampagne versucht wird, die Volksgemeinschaft trotz Sozialabbau zusammenzuhalten, wurde bei den Montagsdemos deutlich, dass man in diesem Land dafür gar keine Initiative von oben braucht. Wenn es den Deutschen schlecht geht, brabbeln sie reflexartig „Wir sind ein Volk“, meinen auf diese Weise den Regierenden an den Karren fahren zu können, und haben die Schuldigen – Fremdarbeiter und Heuschrecken – schnell gefunden. Einmal mehr wurde dabei deutlich, dass mit den Deutschen einfach keine Revolution zu machen ist….und wie es derzeit aussieht auch kein Kommunismus.

Es ist deshalb unsere „traurige“ Aufgabe gegen jede nationale Mobilmachung vorzugehen und nicht etwa ein offenes und tolerantes Deutschland zu fordern. Es geht um die Banalität, mit Deutschland endgültig zu brechen.

Wenn nun am 13.5. wieder einmal die Nazis in Göttingen marschieren wollen, stehen sie trotz ihrer gesellschaftlichen Ächtung mit den meisten ihrer Forderungen in der Mitte dieser Gesellschaft. Dass Neonazis nur in logischer Konsequenz die Politik von Volk und Nation in die brutale Praxis umsetzen, wollen die aufrechten Bürger dabei nicht wahrhaben. Gerade kurz vor der WM bleibt der Zivilgesellschaft nichts anderes übrig als sich gegen Nazis zu stellen. Und wenn dann tausende Bürger mit Friedensfahnen gegen Nazis auf die Strasse gehen, haben die Deutschen einen Grund mehr, stolz auf ihr Land zu sein.

Daher sollte sich eine emanzipatorische und radikale Linke von diesem patriotischen und zivilgesellschaftlichen Engagement abgrenzen. Auch wenn Bürgerproteste meist noch besser sind als gar keine, muss stets berücksichtigt werden, dass eine grundsätzliche Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft im Allgemeinen – und der deutschen im Besonderen – notwendig ist. Antifaschismus kann und darf nicht ausschließlich eine Kritik an Rechtsaußen sein.

In Göttingen herrscht die eher seltene Situation vor, das genug Menschen mobilisiert werden können, um in den eigenen Protestformen und mit der eigenen radikalen Kritik wahrgenommen zu werden. Das wurde am 29.10 letztes Jahr deutlich.

Klar, eine radikale Kritik wurde am Tag des Naziaufmarsches sicherlich kaum bis gar nicht vermittelt. Unsere Ablehnung der bestehenden Verhältnisse dafür umso mehr. Die Kundgebung heute und die Demo am Vorabend haben das Ziel, eine wirklich linke Kritik zu formulieren und den Nazis den Boden weg zu ziehen, auf dem sie sich bewegen:
Den bürgerlichen Nationalismus, der trotz der Behauptung seiner Gutartigkeit doch nur die Grundlagen für die moderne Barberei liefert.

Am nächsten Samstag wird es wieder kaum möglich sein, diese grundlegende Kritik zu vermitteln. Jedoch sollte außer Frage stehen, offen auftretenden Nazis überall und jederzeit offensiv entgegen zu treten, und jeden Versuch von Ihnen, öffentlichen Raum einzunehmen, zu verhindern.

Und das werden wir auch am 13.5 wieder tun. Dabei wird es wie im Oktober darum gehen, auf vielfältige Art und Weise eigene Akzente zu setzen um nicht in dem Brei pazifistischer toleranter Gutmenschen aufzugehen. In einer Gesellschaft, in der Nazis demokratisch gewählt werden können, sollten wir nicht darauf vertrauen, diese auch ausschließlich demokratisch zu bekämpfen.

In diesem Sinne:
Wir hören mit der Scheisse erst auf, wenn die Scheisse aufhört!

GruppeGegenstromGöttingen


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